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Die Entpolitisierung der Kindheit*

von Frercks Hartwig-Hellstern

"Die Kinder, bis zum Alter der Muendigkeit, haben tatsaechlich in der europaeisch-amerikanischen Kultur rechtlich und sachlich genau die Stellung, wie die Sklaven in der antiken Kultur." (Borgius, W.: Die Schule - ein Frevel an der Jugend. Berlin 1930. Reprint Freiburg 1981. S. 188)

Die Erweiterung politischer Partizipation ist eines der bedeutenden Themen gegenwaertiger demokratietheoretischer Überlegungen. Im oeffentlichen Diskurs geht es dabei bisher in erster Linie um eine umfassendere Beteiligung derjenigen, die mit der Abgabe ihrer Stimme bei Wahlen - als wahlberechtigte Erwachsene - die Beruecksichtigung ihrer Interessen nicht gewaehrleistet sehen. Es geht aber auch immer mehr um die Beteiligung von nicht wahlberechtigten "Minderjaehrigen". Bisher beanspruchen die erwachsenen Mitglieder der Gesellschaft die politische Verantwortung fuer sich. Kindern und Jugendlichen wird in der Regel weder das Interesse an der Politik, noch die n otwendige Kompetenz zugebilligt. Direkte Mitbestimmung wird nur in Ausnahmesituationen \par ueberhaupt in Betracht gezogen. Die Zunahme von sogenannten Kinder- und Jugendparlamenten - in Anlehnung an die politischen Gremien der Erwachsenen - ist vielleicht ein Indiz fuer eine sich veraendernde Einstellung gegenueber der "Politik- und Mitbestimmungsfaehigkeit" von Kindern und Jugendlichen. Mal abgesehen davon, dass diese parlamentarisch-repraesentativen Institutionen eher dazu dienen, den Ausschluss grosser Bevoelkerungsteile von politischen Entscheidungen zu rechtfertigen, bleibt die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen auf die "Beratung von politischen EntscheidungstraegerInnen" beschraenkt. Insbesondere Kinder, also die 6 - 14jaehrigen, sind von einer tat saechlichen Mitbestimmung in allen gesellschaftlichen Bereichen weitestgehend ausgeschlossen. Die Zuordnung in verschiedene Altersgruppen und Entwicklungsstufen ist offensichtlich ein wichtiges Kriterium bei der Zuweisung von politischen Rechten. Derjenige, von dem behauptet wird, dass er/sie (noch) nicht die Kompetenz und das Wissen besitzen, einen politischen Sachverhalt unter Wuerdigung aller Folgen abzuschaetzen, bleibt im Sinne von direkter politischer Beteiligung aussen vor.

Dies scheint nicht im mer so gewesen zu sein. Kindheit kann als ein Konstrukt der expandierenden Industriegesellschaft beschrieben werden, eng verbunden mit der "Paedagogisierung des Kinderlebens". Zum Ende des 20. Jahrhunderts deutet sich nun eine Entwicklung an, in der sich d iese kuenstliche Beschaffenheit der Kindheit wieder aufloest. Von verschiedenen Ausgangspunkten wird auf diese Veraenderungen aufmerksam gemacht. Kindheitsforscher gehen sogar so weit, von einem Verschwinden oder einer Liquidierung der Kindheit zu sprechen . Die sich daraus ergebenden Veraenderungen im Status der Kinder provozieren die Frage, ob sich damit auch die Ansprueche an die Mitbestimmung fuer Kinder in Familie, Bildung und Politik veraendern. Ein Wandel im Generationenverhaeltnis und damit eine veraenderte Definition von Muendigkeit ist notwendige Voraussetzung fuer die Enthierarchisierung politischen Denkens und Handelns. Politische und gesellschaftliche Phantasie und Kreativitaet von Kindern, dies zeigen die Erfahrungen in Zukunftswerkstaetten, projektorientierten und offenen Partizipationsmodellen mit Kindern, beinhalten ein nicht zu unterschaetzendes Moment fuer einen gesellschaftspolitischen Wandel (Hartwig-Hellstern, F.: Kinderbuerger - Über die politische Beteiligung von Kindern. Bonn 1995). Herrschafts- und Gewaltfreiheit haben in den Konfliktloesungsstrategien von Kindern einen besonders hohen Stellenwert.

Tatsaechlich gibt es heute zahlreiche wissenschaftliche Ansaetze, die die verschiedenen Entwicklungsstufen nicht mehr als Stufen auf dem Weg zum "vollwertigen" Erwachsenen sehen, sondern in jeder Lebensphase des Menschen eine eigenstaendige Phase erkennen, die einer entsprechenden gesellschaftlichen Wuerdigung bedarf. So wie immer deutlicher wird, dass sich unterschiedliche Kulturen nich t einfachhin in hoeher- oder minderwertige Lebensformen ordnen lassen, wird auch die Hierarchisierung zwischen Kinderkultur einerseits und Erwachsenenkultur andererseits in Frage gestellt.

Keine Macht den Kindern

Der franzoesische Historiker Philippe Aries (Aries, P.: Geschichte der Kindheit. Muenchen 1975)geht in seiner Analyse davon aus, dass es sich bei "der Kindheit" um ein neuzeitliches Konstrukt handelt. Erst die Industrialisierung fuehrt seiner Ansicht nach zu einer Ausgrenzung der Kinder aus der Welt der Erwachsenen und damit aus dem gesamten gesellschaftspolitischen Zusammenhang. Die Zuweisung von politischen Rechten war in der vorindustriellen Gesellschaft in erster Linie an den gesellschaftlichen Stand gebunden. So besassen beispielsweise di e Kinder aus einem hoeheren Stand mehr politische Rechte als Erwachsene eines niederen Standes. Kinder nahmen in diesem Masse auch an den begrenzten politischen Mitbestimmungsprozessen teil. Es bestand eine sicherlich konfliktreiche, aber eben nicht eine von den Generationsunterschieden her bestimmte Arbeits- und Spielgemeinschaft zwischen jung und alt, die mit der Epoche "der Aufklaerung" fast voellig auseinandergebrochen ist. Kinder lebten in der unmittelbaren, sinnlich und affektiv erfahrbaren Umwelt der Erwachsenen, die ihnen die technischen und sozialen Fertigkeiten erlebbar machte. Im Gegensatz zur modernen Gesellschaft hatten Kinder keinen Sonderstatus. Dadurch, dass Kindern keine besondere Aufmerksamkeit und Zuwendung zuteil wurde, war das soziale Um f eld ausserhalb der Familie fuer primaere, direkte Erfahrung der Heranwachsenden zugaenglich. Die "Entdeckung der Kindheit", im Sinne einer Trennung von Kinder- und Erwachsenenwelt beeinhaltete somit ein Abstandnehmen von den Kindern. Dem Kind wurden nun e i gene Aufgaben, Gefuehle und Traeume ueberlassen und umgekehrt reservierten auch die Erwachsenen fuer sich eine Eigenwelt. Eine der direkten Folgen war die Entstehung paedagogischer Inseln wie die der "neuzeitlichen Schule". Die Kinder wurden durch sie sowohl raeumlich als auch zeitlich vom Leben der Erwachsenen getrennt und in eine Sonderwelt gesperrt. Schule wurde in Verbindung mit der Ausdehnung der Schulpflicht zum institutionalisierten Ausdruck eines neuen Verstaendnisses von Kindheit. Die Zeit des Heranwachsens entfaltete sich ausschliesslich zu einem Vorstadium des Erwachsenenstatus.

Eine weitere einschneidende Veraenderung ist die Isolierung der Familie. Die Entstehung der Kleinfamilie, die ihre Bedeutung als Produktionsstaette verloren hatte; die Trennung von Arbeit und Wohnen; die Zunahme des "Familiensinns" in dem die Kinder an Bedeutung gewannen; und die Aufwertung und Abschirmung der Privatsphaere der Familie nach aussen, fuehrten zu einer Abnahme gesellschaftlichen und "sozialen Integritaet". Familie und Schule spielten demnach eine bedeutende Rolle bei der Entstehung des modernen Kindheitsbegriffs. Aries schreibt: "Die Besorgnis der Familie, der Kirche, der Moralisten und der Verwaltungsbeamten hat dem Kind die Freiheit genommen, deren es sich unter den Erwachsenen erfreute. Sie hat ihm die Zuchtrute, das Gefaengnis, all die Strafen beschert, die den Verurteilten der niederen Staende vorbehalten waren. (ebda. S. 562)". Die Isolierung von Kindern in Schule und Familie, die Entfremdung von der Gesellschaft und die Abspaltung der Erfahrungszyklen verstaerkten die Integrationsschwierigkeiten von Kindern und Jugendlichen. Diese Umstaende dienten wiederum zur Rechtfertigung fuer Ausgrenzung, Paedagogisierung und Entpolitisierung. Das Ghetto schloss s i ch. Kinder sind als paedagogische Objekte in einem Teufelskreis gefangen, der sie auf einen Status der Abhaengigkeit festlegt. Die raeumliche und zeitliche Absonderung der Kinder war verknuepft mit dem Ausschluss von Mitbestimmung, Selbstbestimmung und Eigeninitiative. Fehlende Selbstverantwortungs- und Teilhabemoeglichkeiten vermittelten eine "Inkompetenz" der Kinder, denen keine eigene Perspektive zugestanden wurde und die die Vertretung ihrer Interessen den Erwachsenen ueberlassen mussten. Kindheit wurd e zum "Vorhang, den man zwischen vernuenftige Menschen zieht" (Illich, I.: Entmuendigung durch Experten. Muenchen 1973. S. 41)

Parallel zur Ausgrenzung veraenderte sich die emotionale Aufmerksamkeit gegenueber Kindern. Die Gleichgueltigkeit gegenueber Kin dern wandelte sich in eine besitzergreifende Liebe und die Paedagogik avancierte zum fanatischen Versuch, Kindheit zu gestalten. Die Kinder wurden als Tabula Rasa oder als "Wachs" in Paedagogen-Hand gesehen, die mit den Wunschvorstellungender PaedagogInne n projektiv geformt werden durften und mussten. Mit dem Übergang zur modernen Gesellschaft fiel auch den Eltern die Aufgabe zu, sich um die Entwicklung der Persoenlichkeit des Kindes zu "bemuehen". Damit war dem Kantschen Bildungsanspruch Genuege getan: "Der Mensch kann nur werden durch die Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht." (Beck-Gernsheim, E.: Die Inszenierung der Kindheit. In: Psychologie heute Dezember 1987, S. 32).

Die Ideologie von der Unfertigkeit und der Erziehungsbeduerftigkeit des Kindes und die Verwissenschaftlichung der Erziehung verschaerften den Machbarkeitswahn, der den ErzieherInnen einfluesterte, dass mittels (richtiger oder falscher) Erziehung aus den Kindern alles "gemacht" werden koenne. Dies war begleitet von einem negativ-pessimistischen Menschenbild. Die Spuren der Entmuendigung der Kinder, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Kindheit und der Paedagogik zieht, lassen sich bei fast allen "paedagogischen Saeulenheiligen" ausmachen. Bei J. H. Pestalozzi z. B. findet sich folgendes Zitat: "Meine Meinung hierueber ist diese: um die Kinder zur Vernunft zu und auf die Bahn einer selbstaendigen Denkkraft zu bringen, muss man so viel wie moeglich verhueten, dass sie ihr Maul nicht in den Tag hinein brauchen, und sich nicht angewoehnen, sich ueber Dinge zu prononcieren, die sie nur oberflaechlich kennen. Ich glaube, der Zeitpunkt des Lernens ist nicht der Zeitpunkt des Urteilens;..." (Rutschky, K.: Schwarze Paedagogik. Frankfurt 1977. S. 107).

Der Paedagoge Johann Heinrich Campe (1746 - 1818) spricht sich deutlich fuer seelische und koerperliche Erziehungsstrafen aus: "Statt den Kindern in den Gesellschaften der Erwachsenen, als wirklichen Kindern, das heisst, als unbedeutenden kleinen Geschoepfen zu begegnen, welche allen anderen Aufmerksamkeit und Achtung schuldig sind, selbst aber noch nichts an sich haben oder leisten koennen, welches die Aufmerksamkeit und Achtung der anderen verdiente, ...; lobt und bewundert (man) sie, und das alles gemeiniglic h, nicht weil man sie vorzueglich liebt, sondern teils um der Affenliebe der Eltern zu schmeicheln, teils um sich den Schein eines Kinderfreundes und eines - so Gott will! - einsichtsvollen Erziehers zu geben." (ebda. S. 110f)

Die Rolle der Paedagogik ist sicherlich widerspruechlich. Fordert der zivilisationskritische Ansatz von Aries eine oeffnung des "Ghettos der Liebe" - der Familie - und des Kinderghettos Schule im Sinne einer Erweiterung ungefilterter Erfahrungen als Alternative zum Status quo der Ki n dheit, beobachtet der Psychohistoriker deMause (deMause, L.: Hoert ihr die Kinder weinen. Frankfurt 1977) eine veraenderte Form der Interaktion und eine groessere Einfuehlsamkeit der Erwachsenen gegenueber den Kinder. Er beschreibt die Geschichte der Kindheit als eine Geschichte voller psychischer und koerperlicher Misshandlungen. Die Gemeinsamkeit beider Sichtweisen laesst sich darin ausmachen, dass das Kind dem Erwachsenen als Mittel der Abwehr der dunklen Seite des Ichs dient. In dem Masse, in dem die Projektionen der Erziehenden im Laufe der Jahrhunderte zurueckgingen, veraenderte sich nach Einschaetzung von deMause auch die Eltern-Kind-Beziehung. Aus der "Selbstverstaendlichkeit" des Kindesmordes und der Weggabe der eigenen Kinder entstanden Beziehungsformen, die zum partnerschaftlichen Umgang mit Kindern fuehren. Die notwendige direkte Auseinandersetzung mit den kindlichen Beduerfnissen fuehrt zu einem besseren Verstaendnis der Aengste der eigenen Kindheit und damit wiederum zu einer "Evolution der Elte rn-Kind-Beziehung". Letztendlich denken Aries und deMause, trotz ihrer unterschiedlichen Ausgangspunkte, ueber eine Abschaffung der Erziehung und ihre Ersetzung durch (herrschaftsfreie) Beziehungen nach.

Sind Kinder Menschen?

Mit der "Entstehung der Kindheit" wurden Erziehungslehre, -kunst und -wissenschaft zu Instrumenten, die heute noch zur Rechtfertigung der Ausgrenzung der Kinder und zur Erhaltung der Machtstrukturen in Familie, Bildung und Kommune dienen. Mit der Ausdehnung der Erziehung in Fami l ie und Schule entwickelte sich zu der standesorientierten eine neue, altersorientierte Hierarchie. Kinder wurden wegen ihres Alters zu Untertanen. Fuer die neue weltliche Obrigkeit, die die zerfallende Herrschaft der um Gott und die Kirche zentrierten mit telalterlichen Welt abloeste, war Gehorsam das oberste Kriterium. Nicht Freiheit, Individualismus und Lebensfreude standen im Vordergrund, sondern das Streben nach Ordnung, Obrigkeitsglaeubigkeit, striktem Gehorsam, Disziplin, Moral und Tugend. Von Martin Luther bis hin zu Sigmund Freud und darueber hinaus die Erziehungswissenschaft der Moderne praegend, zieht sich das Feindbild vom Kind, als dem von Triebhaftigkeit und Erbsuende "belasteten Wesen". Erst durch Erziehung wird es zum vollwertigen Menschen. D anach sind Kinder nicht faehig das eigene Selbst zu spueren und gelten von Geburt an als boese, schlecht und verderbt. "Ohne Erziehung sind sie eitel wilde Tiere und Saeue in der Welt, die zu nichts nutze sind, denn zu fressen und zu saufen," heisst es bei Luther (Braunmuehl, E. v.: Antipaedagogik. Weinheim und Basel 1989 (Neuauflage). S. 108). Bei Kant galten Kinder als "roh und tierisch", und er folgerte: "Disziplin und Zucht aendern Tierheit in Menschheit um." (Mallet, K. H.: Untertan Kind. In: Heimrath, J. (Hrsg.): Entfesselung der Kreativitaet. Wolfratshausen 1993. S. 27).

Zahlreiche PaedagogInnen treten auch heute noch als VertreterInnen einer Theorie auf, nach der Kinder als "Naturwesen" erscheinen, die der Kultivierung und der Disziplinierung beduerfen: "Erlaubt ist die Fremdbestimmung also, weil sie zur Freiheit fuehrt, im Recht wie in der Erziehung. Man soll nicht kaschieren, dass sie Notwendigkeit ist. Es ist notwendig, die Kinder zu regieren, zu beherrschen, zu bevormunden in irgendeinem Maß." (Flitner, W.: Ist Erziehung sittlich erlaubt? In: Zeitschrift fuer Paedagogik, 25. Jahrgang 1979. S. 500).

Die Vorstellung von einer Erziehungsbeduerftigkeit des Kindes in Verbindung mit der Konsequenz der Trennung von Kinder- und Erwachsenenwelt wird zur Schnittstelle fuer die Entmuendigung der Kinder und schafft die Grundlagen fuer die Rechtfertigung einer entpolitisierten Kindheit. Kinder werden erst als ernsthafte PartnerInnen wahrgenommen, wenn die Zwaenge der "sozialen Tatsachen" die durch die physische Geburt zur Welt gekommene "individuelle Person" zu einem "ganzen Menschen" gemacht haben (Emile Durkheim) (Kob, J.: Soziologische Theorie der Erziehung. Stuttgart 1976. S. 39). Ist es also verwunderlich, dass die Forderung nach direkter Einbeziehung von Kindern in politische Entscheidungsprozesse eher Gelaechter als Zustimmung hervorruft? Die "Entmenschlichung" und Pathologisierung der Kindheit verschaerfte sich noch durch die im 19. Jahrhundert beginnende Koalition von M edizin und Paedagogik. PaedagogInnen strebten danach, den Eigen-Sinn zu ersticken und durch fremdbestimmte Ziele und Perspektiven zu ersetzen, die auf Disziplinierung, Anpassung und Zurichtung ausgerichtet sind. Auffaellige Verhaltensweisen werden nicht mehr mit Schlaegen und anderen direkten Bestrafungen geahndet. An ihre Stelle sind psychische Massregelungen wie Liebesentzug, Ironie und Schuldzuweisung gerueckt, die durch eine pharmakologische Disziplinierung in Form von psychoaktiven Drogen und anderen Medikamenten zur Bekaempfung des Eigen-Sinns ergaenzt werden. Bezugspunkt ist eine fiktive Zukunft der Kinder als Erwachsene, um die sich die Paedagogik "sorgt".

Die Reformatoren der Paedagogik waren fast alle gnadenlose Weltverbesserer, welche die Kinde r irgendeiner Zucht unterwarfen, die Schule zum Zuchthaus machten, um der Zukunft willen, um ihrer Utopien willen, um das Land der Kinder nach ihrer eigenen Phantasie zu gestalten. Mit verborgenen und raffinierten Methoden soll die Unterwerfung des Kindes unter die gewaltsame (nicht unbedingt gewalttaetige) Autoritaet des Erziehers erreicht werden. Gerade in repressiven politischen Systemen hat zielgerichtete Erziehung eine hohe gesellschaftliche Relevanz. Ohne weiteres laesst sich nachweisen, dass institu tionalisierte Erziehung von einer Welt- und Gegenwartsfremdheit und der Verpflichtung zur Systemerhaltung bestimmt ist.

Vom Zerfall der Moral

Wirft man nun einen Blick auf die neuere Literatur zur Kindheitsforschung, dann werden wachsende Aufloesungserscheinungen zwischen Erwachsenen- und Kinderwelt festgestellt. Der Status der Kinder in der Gesellschaft scheint sich zu aendern. Über eine "Infantilisierung der Erwachsenen" oder eine "Liquidierung der Kindheit" offenbaren sich Entwicklungen, die die A usgrenzung von Kindern immer mehr als abstruse Konstruktion entlarven. Kindheit in der Postmoderne ist nicht mehr mit dem Kindsein zu Beginn dieses Jahrhunderts zu vergleichen. Trotz des Erhalts bzw. Ausbaus der altersspezifischen sozialen Orte (Kindergarten, Schule) laesst sich eine Angleichung an die Erfahrungsbereiche und Beduerfnisdispositionen aller Altersgruppen in vielen Bereichen feststellen.

Der Medienkritiker Neil Postman hat aus einer kulturpessimistischen Perspektive das "Verschwinden der Kindheit" (Postman, N.: Das Verschwinden der Kindheit. Frankfurt 1982) beschrieben. Er macht die "Zerstoerung der Kindheit" als entscheidende Ursache fuer den Verfall der gesellschaftlichen Moral aus. Ein Grund fuer das Verschwinden der Kindheit ist seiner A n sicht nach die Aufloesung der (sexuellen, zwischenmenschlichen, politischen, technischen) Geheimnisse, die die Erwachsenenwelt deutlich von der Kinderwelt abgegrenzt haben. Was bei Postman zu pessimistischen Schlussfolgerungen fuehrt, stellt aus anderer Perspektive eine notwendige Voraussetzung fuer eine bedeutende gesellschaftliche Veraenderung dar: Kinder haben z.B. durch die elektronischen Medien Anteil am Bild, das diese Medien von den Ereignissen vermitteln. Postman wehrt sich mit viel Papier (und immer wieder begleitet von ueberraschender intellektueller Anerkennung) dagegen, dass Kindern die Informationen zugaenglich gemacht werden, die bisher den Erwachsenen vorbehalten waren: "Tatsaechlich entspricht der wachsenden Homogenisierung von Sprache, Kleidung, Essgewohnheiten usw. ein Verfall der civilité , die ja in einem Konzept gesellschaftlicher Rangordnung wurzelt." (ebda. S. 151). Und weiter heisst es bei Postman: "Unsere Kinder leben in einer Gesellschaft, deren psychologischer, kultureller und politi scher Kontext die Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern nicht betont. Wenn sich die Erwachsenenwelt den Kindern in jeder Hinsicht oeffnet, dann fangen sie unweigerlich auch an, das kriminelle Handeln der Erwachsenen nachzuahmen." (ebda. S. 154). H ier spiegelt sich das schon beschriebene, mit Erwachsenenaengsten besetzte Kinder(menschen)bild wieder. In Wirklichkeit ist es wohl eher die Verfuegungsgewalt der "vollwertigen Erwachsenen" ueber die "noch nicht vollwertigen Kinder" die Gewalt (von der politischen Ausgrenzung bis zum sexuellen Missbrauch) legitimiert und dafuer sorgt, dass sie in einer Grauzone gehalten wird.

Postman ignoriert also die Doppelwertigkeit der gesellschaftlichen Annaeherung von Kinder- und Erwachsenenwelt. Kinder bekommen p er Bildschirm Informationen, Bilder und Nachrichten, sie koennen sich selbst bedienen, sich selbst entscheiden: "Alles ist fuer jeden (wer immer auch den Knopf bedient). Das Medium bedingt einen Zusammenbruch der Informationshierarchie, durch die jahrhundertelang - ebenso wie die Klassen - auch die Kinder auf ihre Plaetze verwiesen wurden: die Duemmsten und Kleinsten auf die niedersten Plaetze." (Spiegel 48, 29.11.82, S. 226). Dadurch dass alle Informationen medial aufbereitet werden, haben die Kinder im P rinzip Zugang zum gesamten Erfahrungspotential der Erwachsenenwelt. Es bedarf in vielen Bereichen keiner vorausgehenden langfristigen Lernprozesse mehr. Damit entwickeln sich die Kinder aber gleichzeitig auf ein Erwachsensein, das mit den herkoemmlichen Maßstaeben nicht mehr fassbar ist. Jung und alt sind Mitglieder einer die Altersunterschiede nivellierenden Massengesellschaft. Ob wir es gut finden oder nicht, die Werbestrategien der Industrie richten sich gezielt auf Kinder. Diese verfuegen ueber mehr eigenes Kapital oder koennen ihre eigenen Konsuminteressen leichter durchsetzen. Sie haben im Gegensatz zu frueher immer oefter die "materielle Kompetenz" an der Konsumgesellschaft teilzunehmen. Hier werden sie frueh ernsthaft Erwachsenen gleichgestellt, indem sie als selbstaendig Disponierende angesprochen werden. Sicherlich geraten sie in das Spannungsfeld zwischen Marktmanipulation und eigenstaendigen Wahlentscheidungen, aber sie erleben sich hier in einem Bereich, in dem sie sich als kompetenter erfahren als ihre Eltern und LehrerInnen. Hier finden sie Symbole ihrer Eigenstaendigkeit. Die Angleichung der Informationsquellen wird begleitet durch das Hineingreifen der Arbeitswelt in die Spiel(zeug)welt (Elektronik, Computerspiele).

Vom Bereich der gege nstaendlichen Waren hat sich diese Entwicklung auch in den Bereich der Dienstleistungen ausgeweitet. Das Kind kann inzwischen oeffentliche Dienste konsumieren wie vor ihm schon die Erwachsenen, sei es bei SpielpaedagogInnen auf dem Abenteuerspielplatz, be i der Erzieherin im Kindergarten oder bei der Stadtranderholung. Diese Übereinstimmung zwischen kommerzieller Erwachsenen- und Kindermassenkultur wird noch dadurch verstaerkt, dass sich die Menschen nicht mehr hauptsaechlich ueber die Erwerbsarbeit definieren. Die Freizeitsphaere hat unter den sich veraenderten Bedingungen eine besondere Bedeutung bekommen. Mit den neuen Informationstechnologien lieferte in den vergangenen Jahren vor allem der Umgang mit der Computertechnologie einen entscheidenden Beitrag z ur Erschuetterung der Generationenhierarchie. Zwar stellt sich auch die Computertechnologie als ein neuartiges Herrschaftsinstrument dar, doch wer auf direktem oder indirektem Weg zu ihr keinen Zugang hat, dessen Ohnmacht wird sich - unabhaengig vom Alter - vergroessern. Verzweifelt versuchen viele PaedagogInnen im Abwehrkampf den traditionellen paedagogischen Bezug wiederherzustellen und neue Dornenhecken um die Kindheit zu pflanzen, die das Projekt einer muendigen Beteiligung von Lernenden an gesellscha ftlichen Prozessen vereiteln sollen.

Selbstaendigkeit und freier Wille

Kinder lernen die Medienkommunikation vom Kleinkindalter an als eine Moeglichkeit kennen, die Phantasie in Gang zu setzen, Spiel- und Gespraechsthemen zu finden und Erfahrungen zu machen, die sie mit anderen verbinden. Derartige Kompetenzen sind eine notwendige Grundlage fuer Selbstaendigkeit in einer an Komplexitaet zunehmenden Gesellschaft, in der alle nur noch mit selektivem Wissen ausgestattet sind. Individualisierung bedeutet f uer Kinder auch die Moeglichkeit, sich nach eigener Neigung und eigenen Massstaeben zu benehmen, zu kleiden, sich einzurichten und vor allem eigene Begabungen und Berufswuensche zu entfalten. Dass sich hier natuerlich neue Abhaengigkeiten, z. B. von marktwirtschaftlichen Tendenzen ergeben, soll nicht geleugnet werden. Diese Abhaengigkeit trifft aber Kinder und Erwachsene in gleichem Ma\'dfe.

Der Wandel spielt sich in einem Wechselspiel zwischen ausserhalb der Familie ablaufenden gesellschaftlichen Veraende rungen und sich wandelnden Erziehungsvorstellungen ab. In einer Untersuchung ueber Erziehungswerte von Eltern benennen diese das uebergeordnete Erziehungsziel "Selbstaendigkeit und freier Wille des Kindes". Noch in den fuenfziger Jahren waren Fleiss und Ordnungsliebe, Gehorsam und Unterordnung, gute Umgangsformen und andere Merkmale traditioneller Wohlerzogenheit als wesentliche Ziele der Erziehung akzeptiert. Heute liegt die Wahrnehmung groesserer Freiheitsspielraeume, eigene Kritikfaehigkeit des Kindes und Wissbegierde im Vordergrund. Daraus kann noch nicht auf eine andere Einstellung zur Mitbestimmung von Kindern innerhalb familiaerer Entscheidungen geschlossen werden. Vielmehr weisen andere benannte Erziehungsziele auf Widersprueche hin. Neben "Selbstaendigkeit und freier Wille" werden die Erziehungsziele "Ordnungsliebe und Fleiss" sehr hoch eingestuft. Dennoch ist in diesem engen Bereich ein freiwilliger Machtverzicht der Erziehenden zu beobachten. Dies erhoeht umgekehrt die Einflusskraft der Kinder auf den oder die Erwachsenen, denn Gehorsam zu verlangen, wirkt sich letztlich so aus, dass man nicht zuhoert, dass man "nichts wissen will".

Es sind aber nicht nur veraenderte Erziehungsvorstellungen, neue Verhaltensstandards und Umgangsnormen, die mit dem \'dcbergang vom "Befehlshaushalt" der Eltern zum "Verhandlungshaushalt" der Kinder zu einer gewissen Lockerung der Beziehung zwischen aelteren und Juengeren fuehrten. Objektiv vollziehen sich beschleunigt Veraenderungen des Kindseins: Familienkonstellati onen veraendern sich (Kinder wachsen immer haeufiger nicht mit beiden Elternteilen auf, sie "erwachsen" oefter in Ein-Kind-Familien). Die Entwicklung der Staedte und Doerfer nimmt wenig Ruecksicht auf die Interessen und Beduerfnisse von Kindern, etc.. Kindheit ist heute kein Kinderspiel mehr. Kinder sind gezwungen, ihre Freizeit zu organisieren. Sie muessen sich verabreden wie die Erwachsenen, sie haben einen gefuellten Terminkalender wie die Erwachsenen - und sie sind gestresst wie die Erwachsenen, mit al len, auch gesundheitlichen Folgen. Die Phaenomene der Verinselung und der Verhaeuslichung von Kindheit fuehren dazu, dass Kinder gezwungen sind, sich eine staerkere Mobilitaet anzueignen. Die Verlagerung in den Aufenthaltshaeufigkeiten und Interessen, weg von den Funktions- und Freiraeumen der Kinder hin zu denen der Erwachsenen, weg von der Vertrautheit des Nahraums hin zur entfernten staedtischen und anonymen Konsumoeffentlichkeit hat eben auch einen Zuwachs an Eigenmobilitaet, Verhaltenssicherheit, Raum kompetenz und Zeitsouveraenitaet zur Folge, beziehungsweise setzt diese voraus.

Erziehung impliziert immer ein Herrschafts- und Abhaengigkeitsverhaeltnis.

Die folglich notwendige intellektuelle Verarbeitung der Widersprueche zwischen partizipativem Anspruch und gleichzeitig fortbestehender altershierarchisch strukturierter Realit aet stellt einen der wichtigsten Erfahrungsprozesse fuer Kinder und Erwachsene dar. Das sich daraus entwickelnde politische Bewusstsein bei Kindern stellt traditionelle Herrschaftsverhaeltnisse in Frage. Mit gewachsenem Selbstbewusstsein gestehen sie den Erwachsenen die erzieherische Abwertung nicht mehr zu, beziehungsweise muessen sie nicht mehr erdulden. Die Veraenderung der Geschlechtsrollenzuweisung und das Aufwachsen in einer vielfaeltigen (multi)kulturellen Gesellschaft, mit dem Anspruch auf individuellen Ausbruch aus der traditionellen Kultur, bietet den Kindern neue Vorbilder, die nicht mehr mit dem auf eine Norm festgeschriebenen Verhalten zu vereinbaren sind. Entspreche nd der lebensgeschichtlichen Erfahrungen stehen ausreichend alternative Orientierungskriterien zur Verfuegung: Kinder erfahren sich weniger als von aeusseren Auflagen gesteuert, sondern wie die anderen handeln sie aufgrund von eigenstaendigen Überlegungen u nd Entscheidungen. Es liegt nahe, dass das nicht nur in den traditionellen Erziehungsinstitutionen Schule und Familie zu Konflikten mit der Institution und deren VertreterInnen fuehren muss. Schuelerinnen und Schueler lassen sich nur noch widerwillig "belehren". Die politische Partizipation von Kindern muss hier anknuepfen, die angedeutete Kritik an "zielgerichteter Erziehung" weiterfuehren und grosse Teile des paedagogischen Selbstverstaendnisses in Frage stellen. Konsequenterweise muss die Forderung nach Selbstbestimmung von Kindern und nach Abschaffung bestehender Herrschaftsstrukturen zur Aufhebung von Erziehung fuehren.

Frercks Hartwig-Hellstern: Die Repolitisierung der Kindheit. In: graswurzelrevolution April 1996/207.

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