Werte leben statt predigen

Das Beispiel Dänemark beweist: Schulen können Kompetenz- und Wissenszentren werden - und eine Atmosphäre schaffen, die zum selbst organisierten Lernen stimuliert.

REINHARD KAHL taz Nr. 6443 vom 11.5.2001, Seite 11, 296 Kommentar, REINHARD KAHL, taz-Debatte

Es sieht so aus wie in einer Akademie. Oder gehen wir durch ein modernes Museum? Man traut seinen Augen nicht, aber wir sind in einer Schule. Gleich neben dem Eingang das Internet-Café. Die meisten Plätze sind am Nachmittag belegt. Computer sind unbeaufsichtigt. Es gibt gar keine Türen, die man abschließen könnte, außer der Haustür, und die ist bis 22 Uhr geöffnet. Unbeaufsichtigt auch die Kunst an den Wänden. Selbst in der Kfz-Werkstatt hängen Bilder, und zwar Originale. Wir sind in einer Berufsschule - in Dänemark. "Etwas übertrieben ist das schon", flüstert eine innere Sparsamkeitsstimme. Doch das sage ich natürlich nicht. Stattdessen frage ich meinen Begleiter, den Abteilungsleiter für Umwelt und Lernmilieu: "Probleme mit Zerstörungen haben Sie nicht?" "Nein, noch nie sind Bilder vandalisiert worden." Schon beim Wort "Umwelt" beginnen die Missverständnisse. "In Deutschland spricht man von Umwelt, wenn irgendwo Öl ausgelaufen ist, bei uns ist Umwelt das, was wir gestalten."

Und jetzt glaubt man zu träumen. 100.000 Kronen, etwa 26.000 Mark, hält die Schule in ihrem Jahresetat für den Ankauf von Kunst bereit. Wie bitte? "Wenn wir Erzieher sein wollen, müssen wir den jungen Leuten unsere Werte zeigen." 100.000 Kronen im Jahr für Kunst? "Was uns wichtig ist, müssen wir leben und nicht predigen." Aber etwas extravagant sei eine Berufsschule voller Kunst doch schon? Der freundliche Däne wird streng. "Das ist gar nicht extravagant, mein Herr, das ist so nötig wie Stühle und Tische." Am besten hätte man die Teilnehmer all der Kongresse und Lehrertagungen in dieser Woche zum Bildungsurlaub nach Dänemark geschickt. Dort hat die Zukunft längst begonnen. Seit 150 Jahren gibt es keine Schulpflicht, sondern ein Schulrecht. Heute werden dort Schulen in öffentlich-rechtliche Unternehmen verwandelt. Sie werden regionale Kompetenz- und Wissenszentren und zugleich ganz irdische Tempel, Treibhäuser der Zukunft. Am weitesten sind Berufsschulen. An der Schnittstelle zu den Unternehmen blüht die Bildung am buntesten in dem Land, das von den mentalen Verwüstungen der Industriekoalition aus Stiefel und Stahl weit gehend verschont blieb. Den Beamtenstatus hat das Parlament den Lehrern genommen. Sie werden gut bezahlt, können allerdings auch entlassen werden. In der Schule haben sie ihre Schreibtische, wie ganz normale Berufstätige den ganzen Tag; anders als bei uns heult nicht um 13 Uhr auf dem Parkplatz das Rudel von Golfs auf. Sich zum Leben zu entschließen, wird künftig für Schulen, Unternehmen und andere Organisationen die wichtigste Voraussetzung ihres Überlebens. Wir Deutsche leben lieber theoretisch. Aber auch Theorie könnte wieder eine interessante Praxis werden.

Eine Woche nach dem fulminanten taz-kongress rief die Böll Stiftung nach Berlin, um die Chancen der Wissensgesellschaft auszuloten. Dass die Stiftung der Grünen ihren Kongress mit Unterstützung der Herrhausen Stiftung (Deutsche Bank) durchführte und sich von DaimlerChrysler sponsern ließ, zeigt, wie gründlich im Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft die Karten neu gemischt werden. Der Kongress war einer der Selbstversuche, die nun anstehen. Wenn die alten Wahrheits- und Entscheidungszentren abdanken, bilden sich neue, ungewöhnliche Bündnisse von Mitdenkern, Mitforschern und Mitspielern. Lernen und Arbeit greifen wieder ineinander. Kunst kommt als Drittes hinzu. Der Prozess der Globalisierung könnte in einen der Glokalisierung überführt werden. Natürlich gibt es gegen solche Hoffnungen Einwände. Richard Sennet trug sie vor: Die große Flexibilisierung mache Menschen hohl und beraube sie der lebenswichtigen Atmosphäre von Solidarität. Haben wir keine Chancen, aus den Umbrüchen mehr zu machen? Warum nicht auch in Deutschland Schulen, Hochschulen und sogar Betriebe zu unverwechselbaren Orten kultivieren und dort den Eigensinn von Menschen als wichtigste aller Ressourcen entdecken? Das Einmalige wird Voraussetzung einer auf Wissen basierenden Produktion! Das machte der Ulmer Informatiker F. J. Radermacher deutlich. Er zeigt, dass es auf das implizite Wissen zwischen den Zeilen ankommt, das an Personen gebunden und mit ihren Erfahrungen verwoben ist. Es kann nicht einfach kopiert oder digitalisiert werden. Es kann auch nicht als Stoff aufs didaktische Laufband gestellt oder irgendwie "vermittelt" werden. Es wirkt nur, wenn sich Menschen gegenseitig damit infizieren. Weil es "ein objektives Abbild der Realität gar nicht gibt", komme es auf Atmosphären an, die Selbstorganisation ermöglichen. Dänisch gesagt: Man muss Orte kultivieren, an denen sich Menschen zum Lernen und Forschen verabreden, weil sie handeln wollen und Lust auf die Welt haben. (Die von Radermacher eben für die Bundesregierung fertig gestellte Studie "Nicht-explizites Wissen" wird demnächst im Internet unter www.faw.uni-ulm.de zu finden sein.)

Zu den Paradoxien der Wissensgesellschaft gehört, dass wir uns auf sichere Wissensgründe, die wir wie festen Boden unter den Füßen zu haben glauben, weniger denn je werden verlassen können. Mehr wird es auf das Auskristallisieren dessen ankommen, was in der Luft liegt. Dafür sind Klimabedingungen zu schaffen. Die klassische Pädagogik war eine von Ideen und Personen; die altindustrielle war eine von Drill und verklumptem Wissen; die spätindustrielle setzte auf Qualifikationen und Zertifikate. Künftig geht es wieder um Personen, deren Selbstorganisation auf kultivierte Orte und stimulierende Atmosphären angewiesen ist. Ein unerwarteter Bündnispartner für starke Personen könnte ausgerechnet der neue Lehrermangel werden. Schulen sind schon auf Quereinsteiger aus anderen Berufen und anderen Ausbildungen angewiesen. Auf den ersten Blick sieht es für sie dabei schlecht aus. Denn wer will in die Schule? Abiturienten interessieren sich kaum fürs Lehrerstudium. Es steht jetzt am Ende ihrer Wunschliste. Neuerdings klagen Schulleiter sogar, engagierte Lehrer verließen die Schule, weil sie interessantere Tätigkeiten außerhalb fänden. Bleiben der Schule als Quereinsteiger dann nur Ingenieure, die trotz Ingenieurmangels keine Stelle finden und im Lehrerzimmer als Hafen zweiter Wahl lebenslang ankern wollen? Um Gottes willen! Um die Entwicklung in eine andere Richtung zu bringen, ist die Politik gefragt. Wenn Lehrer endlich Profis zur Ermöglichung des Lernens werden, könnte ein Teil ihrer Arbeit darin bestehen "Dritte" in die Schulen holen: Künstler, Handwerker und Wissenschaftler als Gäste, Freunde oder Teilzeitlehrer. Auch Pensionäre könnten ihre Lebensernte einbringen. Sie alle sollten keine 100%-Lehrer werden, und die Lehrerprofis sollten nicht länger alles selbst machen müssen. Die Chance ist doch, Botschafter aus der tätigen Welt in die Schulen zu bekommen und zugleich den Lehrprofis mehr Einfluss und Anerkennung zu geben.

Dazu muss Lehrern ermöglicht werden, was viele ohnehin wollen: nicht nur unterrichten, sondern Schule machen. Es geht doch darum, mit welchen Erwachsenen Kinder und Jugendliche zusammenkommen! Leider sind die Lehrerorganisationen so defensiv eingestellt, dass sie die Gunst der Stunde nicht entdecken. Die im Verband Bildung und Erziehung (VBE) zusammengeschlossenen Pädagogen fuhren am Dienstag in Bonn ihre Worthaubitzen gegen Quereinsteiger auf: "Es darf nicht dazu kommen, die Schulen für nichtschulische Fachleute zu öffnen, um den durch die Politik zu verantwortenden Lehrermangel zu kaschieren." Auch der GEW war auf ihrem Gewerkschaftstag in Lübeck der neue Lehrermangel wichtiger als die Leere, die sich auch bei normalem Unterricht in vielen Schülerköpfen einstellt. Lehrer müssen endlich Künstler, Moderatoren und Manager von Lernprozessen werden. Bisher sind sie ängstliche Vertreter von Fächern. Als Meister des Lernens sollten sie Menschensammler werden, die ohne Eifersucht interessante Leute in die Schulen holen. Wenn erst mal die Atmosphäre stimmt, wenn der Ort aufgeladen ist und wenn die Menschen mit Lust dabei sind, erledigt sich die Sache mit dem Schulwissen fast beiläufig. Der nächste Schritt: Lehrer müssen gestärkt und souveräner werden. Dann entscheiden sich auch wieder mehr Studienanfänger für diesen Beruf. Ob die Kultusminister dafür heute in Hamburg den Weg weisen? Von der Elbe brauchen sie übrigens nur zwei Stunden nach Dänemark.